08. Dezember


Pascal schaut sie hilflos an. „Das soll einer verstehen!“, meint er ratlos. „Kraft in den Schwachen? Ist doch der volle Gegensatz! Entweder schwach oder kräftig und mächtig, oder?“

Beide Jungen sind gespannt auf die Antwort. Tante Ute überlegt einen Moment.

„Wisst ihr, die Starken und die sich stark fühlen, die brauchen keinen Helfer. Zumindest denken sie das. Aber die Schwachen, die fühlen sehr deutlich, dass sie alleine nicht weiter kommen. Sie sind froh und dankbar über Hilfe von außen. Solche Leute liebt Gott. Wer ihm seine Schwäche bringt, das heißt, Gott alles offen legt und ihn um Hilfe bittet, hat ihn auf seiner Seite. Dann legt Gott die fehlende Kraft zu. Und dadurch wird allen deutlich, dass die große Kraft Gottes in den Schwachen und durch die Schwachen mächtig wirkt, weil jedem klar ist: Diese Kraft kann nicht aus dem schwachen Menschen kommen, sondern von Gott.“

Pascal hat mit gerunzelter Stirn zugehört. So ganz kapiert er das noch nicht! „Hat Barnardo denn nun eine Pflegestelle für die Gelbe Rübe gefunden?“, fragt Benni.

„Ja. Aber es war zu spät! Bevor er dem Kind die gute Nachricht bringen konnte, wurde der kleine Junge verhungert und erfroren aufgefunden. Das machte den Studenten sehr, sehr traurig. Es durfte einfach nie mehr geschehen, dass Kinder einsam und verlassen auf der Straße starben. Ein Haus für seine Straßenkinder musste her! Dringend!

Vor einiger Zeit hatte er an Georg Müller geschrieben, den Waisenvater von Bristol, der durch sein Waisenhaus sehr bekannt war. So eine Aufgabe schwebte dem jungen Thomas vor, und er war sehr enttäuscht, als Georg Müllers Antwortbrief kam. Anstatt ihn für seinen Einsatzwillen zu loben und ihm eine Aufgabe zu geben, schrieb Georg Müller, Thomas solle zunächst mal gründlich seine Bibel lesen. Das war wie ein Eimer kalten Wassers für Barnardo. Schon seit er Jesus als seinen Retter angenommen hatte und Christ geworden war, studierte er doch so viel wie möglich seine Bibel! Aber davon allein wurden die Niemandskinder nicht satt!“

„Auch große Leute machen mal dumme Fehler!“, stellte Benni fest.

„Da hast du Recht“, erwiderte Tante Ute. „Barnardo fühlte sich abgeschoben. Aber Gott sei Dank ließ er sich nicht entmutigen. Es gab ja in seiner eigenen Stadt mehr als genug zu tun!

Eines Tages steckte eine Dame Barnardo nach einer Predigt 27 Kupfermünzen zu. Das waren auch damals kleine Geldmünzen, aber die Frau hatte hart gearbeitet und alles, was sie erübrigen konnte, für eine Missionsarbeit, möglichst in China, zusammengespart. Als sie von dem kleinen bebrillten Studenten Barnardo mit den großen Plänen hörte, war ihr klar, dass er ihr Gespartes erhalten sollte.

Mit dem Geld dieser armen Spenderin besaß Thomas den allerersten Grundstock für sein ‚Knabenheim’, wie es damals hieß. Das gab ihm mächtig Auftrieb – aber woher sollte er ein Haus und das Geld dazu nehmen?

Seine Freunde und Helfer hatten schon das Verpflegungsgeld für achtzehn Jungen aufzubringen,  mehr konnte man von ihnen einfach nicht erwarten.

Eines Tages wanderte Barnardo durch eine ärmliche Straße und entdeckte ein Haus, das seinen Vorstellungen entsprach.

Merkwürdig, beim Rundgang mit dem Besitzer hatte Thomas den Eindruck: Das wäre genau das Passende für meine Jungen! Vorsichtshalber erkundigte er sich gleich noch, wie es denn wäre, wenn das Haus mal zu klein würde.

‚Ach, das ist überhaupt kein Problem’, erwiderte der Mann vergnügt, denn er witterte ein gutes Geschäft. ‚Schauen Sie sich doch gleich das Nachbarhaus an, und auch noch das daneben und gleich nebenan …’

‚Was, das sind alles Ihre Häuser, die ich eines Tages dazu mieten könnte?’

Thomas konnte es nicht fassen! Im Nu war er Mieter des Hauses, das ihm so gut gefiel und erlangte gleichzeitig das Mietrecht für die angrenzenden Gebäude – obwohl das sicher ein Wunschtraum bleiben musste!

Eins war ihm jetzt absolut klar: Seinen Plan, als Missionar nach China zu gehen, musste er aufgeben. Gott wollte ihn ganz offensichtlich in London haben, hier wartete ganz viel Arbeit auf ihn.“

„Danke, Tante Ute“, bemerkt Pascal. „Die Erzählstunde bei dir war wieder super!“

 Bevor die beiden aufbrechen erledigen sie noch ihre Aufgabe, das ist diesmal Terrasse fegen und … Löwenzahn aus den Pflasterfugen stechen. So was lieben sie ja nicht gerade, zu Hause drücken sie sich möglichst darum. Doch bei Tante Ute ist das eben der Teil ihrer Verpflichtung. Und weil sie noch soviel dabei zu bereden haben, ist die Arbeit halb so schlimm.

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Danke an Erika Demant und den CSV-Verlag für die Genehmigung zur Veröffentlichung. 

Danke an Gunther Werner für die Bearbeitung.

Die Geschichte gibt es hier auch als Buch zu kaufen

Bild: (c) Can Stock Photo / colematt