17. Dezember


Thomas verstand die Sorge des Türhüters. Wie schnell konnte sich unter den Jungen im Haus eine ansteckende Krankheit ausbreiten.

Natürlich war er sofort bereit, den Jungen zu untersuchen. Endlich kam er in dieses Haus, das ihn so brennend interessierte!

Der plötzlich so freundliche Türhüter führte ihn eifrig zu einem Schlafsaal mit achtzehn Betten. Von den Jungen oder besser Jugendlichen, die dort schliefen, war noch keiner zwanzig Jahre alt. Die armen Kerle lagen nackt im Bett, keiner von ihnen besaß einen Schlafanzug.

„Der Arzt kommt??“ Neugierig setzten sich einige auf. Der Besuch versprach ein bisschen Abwechslung.

Sehr höflich führte der Türhüter den „Doktor“ in eine Ecke zum Bett des Patienten: ein hübscher Kerl, jünger als die andern mit nettem Gesicht. Sollte er wirklich schwerkrank sein?

Gespannt wartete der Riese auf das Ergebnis der Untersuchung. „Ist es schlimm?“, fragte er ängstlich.

Aber nein, Thomas konnte ihn beruhigen, es handelte sich um ganz normales Fieber. Er würde aber ganz sicherheitshalber morgen wieder vorbeikommen, um nach dem Kranken zu sehen. „Solange muss er unbedingt im Bett bleiben, am besten auch noch, bis das Fieber verschwunden ist. Falls noch andere Krankheitszeichen dazukommen, man kann nie wissen!“

Der Türhüter war hocherfreut, dass Thomas am nächsten Tag wiederkommen und auch noch ein Medikament mitbringen wollte. Damit war er mit seinen Schützlingen auf der sicheren Seite. Der Mann hatte nämlich große Angst vor der Polizei, die das Haus schließen würde, wenn eine ansteckende Krankheit auftauchte, bloß das nicht!

Nicht nur der Riese war glücklich, sondern mindestens genauso unser Thomas. Endlich, endlich hatte es geklappt, dass er in die ‚Diebesküche’ eingelassen wurde!

Natürlich kam er am nächsten Tag gern wieder. Das fiebersenkende Medikament und kalte Fußwickel würden dem Jungen bestimmt rasch helfen. Und Thomas versprach, abends noch mal nach ihm zu sehen. Wie dankbar war der Türhüter dem besorgten Doktor!

Als er im Vorbeigehen in die Küche schaute, sah er Leute, die sich schnell verdrücken wollten, als sie ihn bemerkten. Was hatten sie zu fürchten?

Später kam er dahinter, dass die Diebe ihre geklauten Sachen in der Küche an ihre Kunden weiter verkauften. Weil das natürlich streng verboten war, sowohl das Stehlen als auch der Weiterverkauf – man nennt das Hehlerei -, geschahen die Geschäfte an diesem versteckten Ort und selbstverständlich nachts.

Thomas hatte die Augen offen, um möglichst viel in dem schlimmen Haus mitzukriegen. Dem Kranken versprach er, ihm beim nächsten Besuch etwas vorzulesen. Eine Geschichte? O ja, genau das Richtige für ihn.

Und so kam es, dass Thomas Barnardo das Buch ‚Onkel Toms Hütte’ mitbrachte.“

 

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Danke an Erika Demant und den CSV-Verlag für die Genehmigung zur Veröffentlichung. 

Danke an Gunther Werner für die Bearbeitung.

Die Geschichte gibt es hier auch als Buch zu kaufen

Bild: (c) Can Stock Photo / colematt