19. Dezember


 

Tante Ute schaut ihre Zuhörer an; „Habt ihr denn schon vom Herrn Jesus gehört, dem guten Hirten?“, fragt sie in die Runde.

Maya, ein afrikanisches Mädchen, hebt die Hand. Sie hat sehr schnell die deutsche Sprache gelernt und kann sich schon ziemlich gut ausdrücken: „Das ist wie auf dem Bild in der Kirche, der große gute Mann mit den Schafen.“

„Ja, sehr gut, Maja! Der Herr Jesus ist der gute Hirte, der  seine Schäfchen lieb hat! Thomas Barnardo wollte also, dass auch Punch aus der Diebesküche den Herrn Jesus kennenlernte. Bestimmt möchtet ihr noch erfahren, wie’s mit ihm weiterging?“

Eifriges Nicken von allen Seiten. Die Kinder brennen auf die Fortsetzung der Geschichte.

„Thomas kam wie gesagt dahinter, dass Punch zwar sehr geschickt und gewitzt war, aber wie die anderen weder lesen noch schreiben konnte, denn sonst hätte er längst das Schild am Jungenheim entziffert, das alle heimatlosen Kinder einlud. Thomas fragte ihn direkt: ‚Möchtest du zu uns ins Heim kommen?’

‚Ach, lieber nicht“, antwortete Punch. Er hatte nämlich Schauergeschichten übers Heim gehört. Die Jungen würden eingesperrt, bekämen Schläge und nichts zu essen. Er, Punch, lebte dagegen frei und klaute sich schon alles Notwendige zusammen, er würde niemals tauschen mit den ‚eingesperrten’ Jungen im Knabenheim.

Immerhin ließ er sich zu einem Besuch überreden und staunte nicht schlecht, als er die Jungen draußen auf dem Fußballfeld entdeckte. Das sah doch wenig nach Zuchthaus aus!

‚Möchtest du denn das Heimleben mal testen?’, fragte Barnardo.

Punch zögerte. Er wollte schon gerne lesen und schreiben lernen. Darum erklärte er sich schließlich gnädig bereit, ein Jahr zu bleiben.“

 „Verkehrte Welt“, meint Anna trocken. „Er konnte doch froh sein, dass sich jemand um ihn kümmerte!“

„Er war ein misstrauischer kleiner Kerl wie viele Straßenjungen“, erklärte Tante Ute. „Barnardo konnte das gut verstehen, denn welches Leben hatte Punch bereits hinter sich?

Seine Eltern kannte er nicht. Im Armenhaus wurde er misshandelt, bis er als 9-Jähriger endlich ausriss. Dann schlug er sich als Streichholzverkäufer durch wie ungezählte Andere. Im Logierhaus lernte er das Stehlen.

Was ist schlecht an meinem Leben? fragte er sich. Wer wollte ihn als böse bezeichnen, nur weil er sich nahm, was er zum Leben brauchte? Punch hatte kein schlechtes Gewissen bei seinem Handeln. Er verblüffte Thomas Barnardo durch tolle Taschenspielertricks, auf die er unheimlich stolz war.

Wie konnte man ihm nur helfen?

Da beobachtete Thomas, dass sich der stolze geschickte Punch um den stillen kleinen James kümmerte. Der Junge hatte es schwer, mit anderen in Kontakt zu kommen und war dankbar für den neuen Beschützer. Und  Punch bemühte sich darum, dass James’ Vertrauen nicht enttäuscht wurde. Sie brauchten sich gegenseitig. Ob das ein Schlüssel zu Punchs Herz sein konnte?

Genau, Gott hat den kleinen Freund benutzt, damit Punch einsah: ‚Dr. Barnardo hat Recht. Es ist eine Schande, ein Dieb zu sein! James soll nicht schlecht über mich denken! Er ist so ein feiner Kerl. Ich möchte zu ihm passen!’

Auf einmal ist der König der Diebe nicht mehr stolz auf sein ‚Handwerk’. Thomas kann ihm den Weg zeigen, so dass er ein neues Herz bekommt, das der Herr Jesus von allen Sünden gereinigt hat, weißer als Schnee.“

 Beim Abschied hat Tante Ute noch eine Überraschung: „Ich war jetzt schon öfter bei euch und habe alle im Kinderhaus kennengelernt. Darf ich euch auch mal zu mir einladen? Samstag feiere ich meinen Geburtstag mit einem Tag der offenen Tür, vom Frühstück bis zum Abendessen. Ihr seid also zu jeder Tageszeit herzlich willkommen!“

Das gibt ein großes Hallo im ganzen Haus! Kein Wunder, dass ihr Einkaufswagen so voll war, denken ihre beiden Helfer Pascal und Benni und freuen sich schon riesig.

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Danke an Erika Demant und den CSV-Verlag für die Genehmigung zur Veröffentlichung. 

Danke an Gunther Werner für die Bearbeitung.

Die Geschichte gibt es hier auch als Buch zu kaufen

Bild: (c) Can Stock Photo / colematt