6. Dezember


Teil 6

„Alles klar, du sagtest eben ‚Schule für zerlumpte Kinder’, also daher der Name ‚Zerlumptenschule’“, fasst Pascal zusammen.

„Genau. Und damit kommen wir endlich zu Jimmy. Als Thomas Barnardo eines Abends seine Schule zuschließen wollte – ach so, da fällt mir noch etwas ein. In dem Schulraum war früher ein Eselsstall gewesen und das Gebäude befand sich am Hopeplace, also am Hoffnungsplatz, das kann man sich gut merken. – Thomas sah plötzlich, dass vor dem Ofen ganz zusammengerollt eine kleine Gestalt lag. Thomas rüttelte ihn wach und wollte ihn nach Hause schicken. Nach Hause? Der Kleine hatte kein Zuhause, er war ein Straßenkind.“

Benni weiß Bescheid: „Wie in Südamerika, da unterstützt unsere Gemeinde so ein Straßenkinderprojekt. Ich habe schon mal Bilder davon gesehen,“ „Ja, ich kenne auch eine Frau, die dort arbeitet. Aber auch bei uns in Deutschland, in den Großstädten, gibt es obdachlose Kinder, das könnt ihr mir glauben.“ Die Augen der Zuhörer werden immer größer. Dass es so viele schockierende, schreckliche Dinge hier und heute geben soll – unglaublich.

„Und was geschah dann mit Jimmy?“, fragte Pascal atemlos. „Thomas wollte ihm nicht glauben, dass er wirklich im Freien übernachtete! Ungläubig lauschte er dem Bericht des Kleinen, dass ganze Scharen von heimatlosen Jungen jede Nacht auf der Straße kampierten! Das konnte, das durfte doch nicht wahr sein! Der Junge musste lügen. Darum stellte ihn Thomas Barnardo auf die Probe.

So zogen die beiden nach Mitternacht los. In der stockdunklen Stadt blieb Barnardo nichts anderes übrig, als eine Laterne mitzunehmen. Diese Laterne sollte er in Zukunft noch oft benutzen!“

„Ach so!“ Pascal schlägt sich gegen die Stirn. „Alles klar, deshalb wurde Thomas der ‚Mann mit der Laterne’ genannt!“

„Ja, genau", Tante Ute erzählt weiter: „Die beiden wanderten durch die nächtlichen Straßen der Armenviertel. Erst sah es nicht danach aus, als ob Jimmy die Wahrheit gesagt hätte. Aber der Junge zeigte ihm immer neue Orte, wo sich zuweilen Kinder vor der Polizei versteckten. Schließlich musste Thomas mit ihm auf ein Blechdach hinaufklettern. Er  traute seinen Augen nicht! Hier oben lagen die zerlumpten kleinen Elendsgestalten, in der Kälte aneinandergekuschelt, um sich gegenseitig zu wärmen. Fassungslos leuchtete Thomas mit seiner Laterne in die dunkelsten Ecken und fand zu seinem Entsetzen immer noch mehr Kinder. Wie konnten sie nur hier draußen überleben?

Der Anblick dieser obdachlosen verwahrlosten Kinder weckte in Thomas einen großen Wunsch, der ihn seitdem nicht mehr losließ. Es genügte nicht, dass die Kinder in ihre Abend- und Sonntagschule kamen und ab und zu eine warme Mahlzeit erhielten.. Er brauchte ein Haus, um ihnen Lebensraum zu geben, das war es: ein Haus für die ‚nobodyschildren’, die ‚Niemandskinder’ von der Straße!“ „Und, hat er so ein Haus gebaut?“, fragte Benni gespannt. „Ich denke schon, aber dafür muss ich erst mal weiterlesen und erzähle euch beim nächsten Mal davon.

Übrigens, habt ihr in der Schule auch schon am Thema gearbeitet? Was sagt eure Lehrerin dazu?“ Benni und Pascal können Gutes berichten. „Frau Schröder war richtig überrascht, dass wir schon so viel Infos hatten und lobte unseren Fleiß!“ Benni grinst über das ganze Gesicht. „Das verdanken wir dir, Tante Ute! Frau Schröder schlug übrigens vor, dass wir die Fakten auf einer Mind Map bringen sollen!“

„Ach ja“, Pascal muss das unbedingt loswerden, „sie hatte noch eine Superidee, nämlich mit dem Kunstlehrer zu sprechen, damit er uns in seinem Unterricht auch noch Tipps zur Wandzeitung gibt, Schrift und so.“

„Und wir sollen im Englischunterricht ansprechen, ob Missis Miller vielleicht Texte über Barnardo auf Lager hat. Die Lehrer sind richtig heiß gelaufen, die sind ja immer glücklich, wenn sich ein Projekt entwickelt.“ Benni sagt das ein bisschen spöttisch, aber irgendwie freut er sich auch, dass ihre Arbeit so gut ankommt.

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Danke an Erika Demant und den CSV-Verlag für die Genehmigung zur Veröffentlichung. 

Danke an Gunther Werner für die Bearbeitung.

Die Geschichte gibt es hier auch als Buch zu kaufen

Bild: (c) Can Stock Photo / colematt