15. Dezember


 

„Manche Leute werden obdachlos, weil sie  ihren Arbeitsplatz verloren haben und dann nicht wieder Fuß fassen. Das geht ganz schnell und kann sehr unterschiedliche Gründe haben“, erklärt sie ganz ruhig. „Und es ist gut, dass es Übernachtungshäuser gibt, die natürlich heute ganz anders aussehen als vor fast zweihundert Jahren in England.

Wichtig ist, dass die Obdachlosen ein warmes Essen und einen Platz zum Übernachten bekamen. Aber da hatte nicht jeder ein Bett für sich alleine, wie wir es kennen,  sondern sie teilten ein Lager mit irgendeiner Person, die sie vorher nie gesehen hatten. Das Bettzeug war keineswegs frisch gewaschen, sondern hatte die Flecken und den Gestank der Leute, die vorher darin geschlafen hatten, vor allem Blutflecke und verschmierte Spuren von Ungeziefer, Läusen, Flöhen Wanzen und anderen Tierchen, deren Namen ich nicht mal kenne!“

„Iiih, wie kann man nur da schlafen, das tät ich nie!“

„Ich auch nicht. Und doch gab es einen Mann, der sich freiwillig dazu bereit erklärte. Er hieß Thomas Barnardo!“

„Ach, den kennen wir doch schon“, ruft Felix. „Über den schreiben Pascal und sein Freund eine Deutscharbeit.“

„Genau!“ Tante Ute grinst. „Also, Thomas Barnardo traf einen kleinen Jungen, der viele dieser Logierhäuser im alten London kannte. Er war ja froh, wenn er nachts in ein Bett schlüpfen konnte. Das war in jedem Fall besser, als auf einer Müllhalde oder unter einer Brücke zu übernachten.

Ja, der kleine Junge kannte sich gut aus und erzählte seinem neuen Freund Thomas von einem besonders noblen Logierhaus mit lilienweißen Bettlaken! Es sei einfach Spitzenklasse, das müsse man erlebt haben!

 

Weil Thomas möglichst viel über das Leben der Straßenkinder erfahren wollte, ging er tatsächlich eines Nachts mit dem Jungen dorthin.

Blütenweiße Bettwäsche? Na, darunter stellte Doktor Barnardo sich eigentlich etwas anderes vor. Die beiden wurden zu einem freien Bett geschickt, das genauso aussah, wie ich es vorhin beschrieben habe: graugelbbraun, mit Blutgeschmier und anderen Flecken unbekannter Herkunft übersät, brr! Thomas schauderte vor Ekel, aber er zog die Sache tapfer durch. Vor Erschöpfung schlief er auch sofort ein, denn er war ja jeden Tag viele, viele Stunden auf den Beinen und in Action. Mitten in der Nacht wurde er wach. Er hatte so fürchterlich geträumt. Thomas entzündete ein Licht und sah entsetzt und voller Ekel, dass Betten, Fußböden und Menschen schwarz schimmerten von Herden krabbelnden Ungeziefers!

Nein, keine Minute blieb er mehr an diesem fürchterlichen Ort, er hatte die Nase voll! Schnell weckte er seinen protestierenden Begleiter, und dann ging’s im Eiltempo heim, um noch eine Stunde Schlaf zu kriegen.“

„Was, schon fertig? Wir wollen noch weiter hören, bitte!“, rufen die Kinder durcheinander. Tante Ute lässt sich gern erweichen, sie würde gern noch stundenlang erzählen. So gibt es wenigstens noch einen Vorgeschmack auf die nächste Geschichte:

„Thomas erfuhr, dass sich in einem dieser Logierhäuser die sogenannte ‚Diebesküche’ befinden sollte. Ihr werdet euch fragen, was dort wohl gekocht wurde? Eigentlich nur das einfache Essen für die Übernachtungsgäste, aber außerdem war die Küche anscheinend Treffpunkt für allerlei Gesindel. Er wollte sich die Sache unbedingt aus der Nähe ansehen - doch wie sollte er dort reinkommen? Das war nämlich gar nicht so einfach. Aber damit fängt eine neue Geschichte an, die ich euch beim nächsten Mal erzähle, sonst wird’s heute zu spät.“

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Danke an Erika Demant und den CSV-Verlag für die Genehmigung zur Veröffentlichung. 

Danke an Gunther Werner für die Bearbeitung.

Die Geschichte gibt es hier auch als Buch zu kaufen

Bild: (c) Can Stock Photo / colematt