18. Dezember


Juliana Kügler hat bis jetzt jedes Wort von Tante Ute förmlich in sich aufgesogen, durch nichts abgelenkt. Auf einmal platzt sie dazwischen, so dass alle erschreckt zusammenzucken: „Wie meine Maruschkapuppe!“

Tante Ute guckt erstaunt an sich runter, meint die Kleine ihren bunten Rock? Juliana ist aufgesprungen, rennt in ihr Zimmer und kommt mit der hölzernen Puppe zurück, die mal jemand von einer Reise mitbrachte. Schnell schraubt sie die beiden Teile der rundlichen Figur auseinander, holt die kleinere Puppe, öffnet auch diese und so immer weiter. Schließlich stehen sieben Püppchen, eine immer kleiner als die andere, auf dem Couchtisch.

„Und was soll das jetzt?“ Pascal schaut leicht verwirrt von den Püppchen auf das kleine Mädchen und wieder zurück. Er hat ausgesprochen, was auch die anderen bewegt.

Juliana zeigt auf Tante Ute und erklärt: „Die Frau ist auch so eine. In der drin ist die Geschichte von dem Thomas und der Thomas erzählt dem kranken Jungen auch eine Geschichte und vielleicht steht in dem Buch auch wieder eine neue Geschichte und dann….“

Die größeren Kindern wiehern vor Lachen, weil die Kleine sich so in Eifer redet und sie den Vergleich auch ‚typisch Juliana’ finden, die hat die komischsten Ideen.

„Können wir denn jetzt weiterhören?“ Till und Felix sind doch sooo gespannt, was alles in der Diebesküche passiert.

„Ja, das müssen wir unbedingt noch fertig erzählen, sonst schlaft ihr heute Nacht nicht, stimmt’s?

Also, die Geschichte, die Thomas Barnardo mitbrachte, traf genau ins Schwarze bei den großen Jungen in der Diebesküche. Es hatte sich irgendwie rumgesprochen, dass der Doktor vorlas und einer der Jungen nach dem andern hatte sich in den Schlafsaal geschlichen. Ungefähr zwanzig von ihnen saßen auf den Betten und hörten zu, nachdem sie höflich um Erlaubnis gefragt hatten. Aber ja, sicher durften sie bleiben! Sie ahnten ja nicht, wie sehr sich der Vorleser über die Zuhörerschar freute.

Zwischendurch versorgte er den Kranken und wollte dann aufbrechen. Aber die Jungen bettelten: „Bitte, können Sie noch weiterlesen?“

Nichts lieber als das.

So kam Thomas Barnardo immer wieder in das Logierhaus, oft sogar zweimal täglich. Der früher so gefürchtete Riese und die Bewohner vertrauten ihm, sie freuten sich über seine Besuche und seine Geschichte.

  „Eines Tages fiel Thomas Barnardo in der Küche ein Junge auf, den er noch nie hier gesehen hatte. Der ungefähr 17-Jährige schien irgendwie etwas Besonderes zu sein, mit seinem hübschen Gesicht und den feinen Händen. Wer war das und was tat er hier?

Schon kamen seine Jungen ihm entgegen. „Da sind Sie ja! Wir warten schon, auch der kranke Tom will wissen, wie die Geschichte weitergeht!“

Thomas dachte auch beim Vorlesen noch an den unbekannten Jungen, der in der Küche seinen Hering gebraten hatte. „Wer war das eben? Was wisst ihr über ihn?“

„Ach, er meint Punch“. „Ja, ja, das ist Punch“, riefen sie durcheinander.

Aber Barnardo konnte mit dem Namen nichts anfangen, bis sie ihn aufklärten: „Punch ist unser Anführer. In ganz London gibt es keinen Jungen, der sein Handwerk so gut versteht wie er.“

Sein Handwerk?

„Er stiehlt soviel wie zwölf andere zusammen und hat sich noch nie erwischen lassen!“

Aha, das war das Geheimnis der Diebesküche. Thomas war sehr traurig, dass die jungen Kerle vom Diebstahl lebten. Hier saßen sie doch wie die Lämmchen und hörten ihm zu, und es dauerte nicht lange, bis auch Punch dazu kam.

So ging es noch an vielen Abenden, die Jungen konnten nicht genug hören vom Leben der armen gequälten Sklaven in Nordamerika. Am liebsten hätten sie noch ein weiteres Buch vorgelesen bekommen oder sie dachten wie Tom: „Wenn ich doch auch lesen könnte!“

Denn das konnte keiner von den jungen Dieben, nicht einmal ihr Chef Punch. Könnten sie’s  denn vielleicht noch lernen?

Thomas bot ihnen an: „Wenn ihr mit dem Stehlen aufhört, nehme ich euch in mein Heim auf und bringe euch lesen und schreiben bei! Wenn ihr richtig arbeiten wollt, kriegt ihr einen Platz bei mir.“

Barnardo wartete gespannt auf die Reaktionen der Jungen! Wenn sie doch zu ihm kämen. Dort würden sie die Geschichten vom Herrn Jesus immer wieder hören und sie sogar eines Tages selbst in der Bibel lesen können! Das war doch sein größtes Ziel für diese armen Kinder, dass sie den Herrn Jesus als ihren Retter erkannten und an ihn glaubten.“

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Danke an Erika Demant und den CSV-Verlag für die Genehmigung zur Veröffentlichung. 

Danke an Gunther Werner für die Bearbeitung.

Die Geschichte gibt es hier auch als Buch zu kaufen

Bild: (c) Can Stock Photo / colematt