14. Dezember


Wie mit Pascal verabredet, steht Tante Ute an der Tür des Kinderdorf-Hauses und klingelt. Hausmutter Susa öffnet ihr. Sprachlos starren die beiden sich an, kann das denn möglich sein? Pascal hat den Termin ausgemacht und jetzt stellen sie überrascht fest, dass sie sich kennen.

„Du bist Tante Ute?“, sagt die eine und gleichzeitig fragt die andre:

 „Seit wann bist du Kinderdorfmutter?“ Das hört sich so lustig an, dass beide Frauen losprusten und alle Kinder mit, die dabeistehen. Die Frauen haben eine Menge zu erzählen und zu fragen.

„Aber dass wir uns als ehemalige Klassenkameradinnen durch Pascal wiederfinden würden, wer hätte das gedacht!“, sagt Tante Ute lachend und legt den Arm um den Jungen, dem das etwas peinlich ist. Wer ihn so sieht, nur das nicht!

„Willst du heute schon anfangen oder erst mal reinschnuppern, Haus ansehen und Kinder kennenlernen?“

Ach nein, Tante Ute fackelt nicht lange. Sie möchte möglichst bald starten und weiß, dass sie die Kinder erleben wird, viel besser als durch gegenseitiges Vorstellen.

 

In der behaglichen Sitzecke stellt sie ein großes Bild auf eine Staffelei. Es zeigt eine heruntergekommene Straße im alten London, zerlumpte Gestalten, die auf ein ärmliches Haus zugehen. Alles in düsteren Farben. Schmutzig, trostlos, elend.

Während sie ihre Vorbereitungen trifft, setzen sich schon die ersten Kinder aufs Sofa und warten gespannt auf das, was kommt. Susa zieht die Vorhänge zu und entzündet einige kleine Lämpchen, so dass die Schatten auf das Bild fallen und es richtig lebendig wirken lassen.

„Wie ihr seht, steuern die Leute auf dem Bild alle auf dieses Haus in der Mitte zu, ein sogenanntes Logierhaus. Was das ist? Nun, wir würden es heute wohl Obdachlosenasyl nennen, sagt euch das was?“

„Klar, da schlafen doch die Penner, wenn’s unter der Brücke zu kalt wird“, weiß Felix. „Auf meinem Schulweg, da pennen die unter der Brücke, in der Unterführung. Voll der Siff, da unten an der Dreckbrühe, da laufen bestimmt auch Ratten rum.“

Roxanne kennt sich aus und meint ein bisschen stolz: „Mein Opa ist auch Penner, das weiß ich von meiner Mama.“

„Waaas? Du bist mit einem Penner verwandt? Mit so ’ner Schnapsdrossel? Typisch Mädchen.“ Till lacht so spöttisch, dass Roxanna ganz ängstlich guckt und sich in ihre Ecke kuschelt. Hat sie was Falsches gesagt? Aber dann hört sie gespannt zu, was Tante Ute erklärt.

 

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Danke an Erika Demant und den CSV-Verlag für die Genehmigung zur Veröffentlichung. 

Danke an Gunther Werner für die Bearbeitung.

Die Geschichte gibt es hier auch als Buch zu kaufen

Bild: (c) Can Stock Photo / colematt