22. Dezember


Noch einmal trifft sich der ‚Barnardo-Club’  bei Tante Ute. Ein Regenwetternachmittag ist genau das Richtige für ausführliche Erzählstündchen bei Waffeln mit heißen Kirschen. Natürlich mit Sahne!

Sie reden noch ein bisschen von Pascals Kinderdorf, wobei Tante Ute einfällt: „Thomas hatte damals die Idee, ein Dorf für Mädchen zu gründen, oder sprachen wir schon davon? Das Heim, das sie vorläufig bewohnten, war irgendwie nicht das Wahre. Eines Nachts hatte er einen Traum. Er sah kleine Backsteinhäuschen und darin lebten Mädchen jeden Alters, wie in einer Familie, mit einer Familienmutter.

Beim Aufwachen war ihm klar, dass so die Lösung vieler Probleme aussehen könnte. Das wäre doch etwas für Binnie und Lucie, die Zigeunermädchen, die sich im  Heim nicht zurechtfanden und dadurch ihre Erzieherinnen überforderten. Und auch für das Kaminfegermädchen Margaret, die weder saubere Kleidung kannte, noch wusste, wie man sich wäscht. Sie riss die Bettbezüge herunter und rollte sich unterm Bett auf dem nackten Fußboden zum Schlafen zusammen.

Erstaunlicherweise fand Barnardo auch für diese neue Idee wieder Menschen, die er mit seiner Begeisterung anstecken konnte. So wurden nacheinander Haus um Haus gespendet. Jedes von ihnen bekam einen romantischen Blumennamen.

Zum Mädchendorf gehörte eine Schule. Die größeren Mädchen lernten dort ganz praktisch, einen Haushalt zu führen. Was sie zum Beispiel im Kochunterricht produzierten, durfte in den ‚Familien’ verspeist werden. An jedem Tag hatte eine andere Dorffamilie dieses Vergnügen. Vielleicht war das Essen manchmal ein bisschen angebrannt oder versalzen, aber die Mädchen waren ja schließlich noch in der Ausbildung. Sie lernten nähen und stricken und alle damals üblichen Handarbeiten. Entweder würden sie das alles brauchen, um später ihre eigene Familie gut zu versorgen oder auch, um eine Arbeitsstelle in einem Haushalt zu bekommen.

Eines Tages entdeckte eine von Barnardos Helferinnen eine Frau, die ein verwahrlostes Baby bei sich hatte und verwies sie an Barnardo. Die Frau suchte ihn bald darauf auf und trug ein schmutziges Bündel im Arm. Entsetzt schälten die Pflegerinnen ein winziges Baby aus den Lumpen. Die Ärmchen des kleinen Mädchens waren nicht dicker als der Finger eines Erwachsenen. Und was steckte denn da als Schnuller in seinem Mund?? Eine Fischgräte, ebenfalls in Lumpen eingewickelt. So schmutzig, als ob die Kleine seit Wochen daran genuckelt hätte.

Das Fürchterlichste an dem ganzen war aber nicht das unterernährte, stark vernachlässigte Kind, sondern die Frau! Betrunken, eine süchtige Alkoholikerin, die nur auf Geld für die nächste Flasche aus war. Sie verlangte Geld von Dr. Barnardo, sie wollte das Kind verkaufen!

Der Mann, der schon so viele schreckliche Eindrücke verkraften musste, war diesmal sprachlos. So etwas hatte er noch nicht erlebt! Keinesfalls wollte er ein Kind kaufen, schnell würde sich das herumsprechen und er konnte für Kinderhandel angezeigt werden. Außerdem stände umgehend die nächste ‚Kinder-Verkäuferin’ auf der Schwelle.

Doch die Frau war hartnäckig und bot das Kind für immer weniger, zuletzt für einen Schilling. Von Mitleid bewegt nahm er das armselige Bündel endlich an sich.

Und dann erlebte er eine wunderschöne Überraschung. Barnardo besuchte das Mädchendorf Ilford, sofort er nur Zeit fand. Und immer rissen sich Hausmütter und Kinder darum, ihn als Gast aufzunehmen.

Heute war er im Haus ‚Wickenblüte’ eingeladen und fand seinen Platz zwischen der Hausmutter und dem jüngsten Kind, das in seinem hohen Stühlchen am Tisch saß.

Das kleine Kind mit blonden Löckchen und dicken Pausbäckchen sah so süß aus, dass er es immer wieder anschauen musste. Aber wie hieß es denn noch gleich? Zu dumm, dass ihm der Name nicht einfiel.

Die Hausmutter ist natürlich ganz stolz, dass der freundliche Doktor ihr Kleinstes so bewundert: „Nelly hat sich so gut entwickelt, meinen Sie nicht auch?“ 

Hm, er müsste das Kind doch kennen wie alle ‚seine’ Kinder. Nelly? Wie war das noch? Dass ihn sein Gedächtnis hier so im Stich ließ. Hoffentlich fiel es ihm bald ein. Doch leider nützte ihm alles Nachdenken nicht und er musste nachfragen: „Wie lange ist das Kind hier? Über drei Monate?“

Aha, seit Juni, aber er erinnerte sich immer noch nicht.

Die Hausmutter war verwundert: „Sie erinnern sich nicht an das winzige Baby, das sie damals für einen Schilling gekauft haben, das Schillingbaby??“

Barnardo konnte nur staunen! Jenes erbärmliche kleine Bündel saß jetzt als gesundes und fröhlich neben ihm, wie war das nur möglich?

Ein Wunder, wie so oft. Gott tut immer noch Wunder und wir bewegen seinen Arm durch unser Gebet. Auch Thomas fand seine Zuflucht immer wieder im Gebet. Und der vertraute auf das, was Gott in der Bibel verspricht, zum Beispiel auf einen Vers in Römer, Kapitel 8, Vers 28. Dort steht: Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken.

„Heißt das, dass für uns alles gut ausgeht?“, fragt Benni.

„Ja, Benni“, meine Tante Ute nachdenklich: „Ich denke, dass es für uns letzten Endes gut ausgehen wird, denn Gott meint es gut mit uns. Wir können nicht alles verstehen, aber wir dürfen ihm vertrauen.“

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Danke an Erika Demant und den CSV-Verlag für die Genehmigung zur Veröffentlichung. 

Danke an Gunther Werner für die Bearbeitung.

Die Geschichte gibt es hier auch als Buch zu kaufen

Bild: (c) Can Stock Photo / colematt